Märchen für große Leute


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Märchen und märchenhafte Geschichten

selbst erdacht und erträumt in eigener Schreibwerkstatt.Erzählkunst Lübeck Marietta Jeannette Rohd 

 

Vorschau:


Das Lied der Schneeflocken...

...einmal habe ich es gehört. Seither weiss ich, was Sehnsucht ist....

 

Die Seele der Weberin

...die alte Weberin webte ihren letzten Teppich. Was machte ihn so besonders?


 

 

Das gläserne Pfeifchen


Ich komme oft zu spät zur Schule. Abends bin ich immer so wach und morgens bin ich immer so müde. Bisher fiel mir auch immer eine gute Ausrede ein mit der ich mein Zuspätkommen entschuldigen konnte, doch diesmal wusste ich nichts zu sagen. Die Geschichte, die ich diesmal wirklich erlebt habe, hätte mir niemand geglaubt.

Um acht Uhr musste ich in der Schule sein. Um sieben Uhr klingelten meine zwölf Wecker. Als ich mich gähnend im Bett aufrichtete, sah ich am Türrahmen gelehnt einen Zauberer  stehen.

„Wie kommst Du hier rein?“ fragte ich.

„Durch die Wand,“ antwortete er ganz selbstverständlich

„Das ist Hausfriedensbruch," erwiederte ich.

Der Zauberer lächelte nur, während er immerfort an einem gläsernen Pfeifchen zog, dessen Rauchwölkchen die Farben eines Regenbogens hatten.

„Ich bin hier, um Dir drei Wünsche zu erfüllen.“

„Drei Wünsche?! Dann wünsche ich mir, noch drei Stunden zu schlafen und trotzdem pünktlich in der Schule zu sein. Jeden Morgen wenn ich aufstehe, soll der Frühstückstisch gedeckt sein mit Brötchen, Ei, Käse, Wurst und Marmelade.“

„Einen Wunsch hast Du noch.“

„Ich wünsche mir ein Smartphone mit einer XXL Flatrate auf Lebenszeit und der Technik aus dem Jahr 2050.“

„Lol“, murmelte der Zauberer in seinen Bart.

Dann löste er sich in Nichts auf.

Im Vertrauen legte ich mich wieder schlafen. Als ich erwachte, war es zehn Uhr. Wo waren die drei geschenkten Stunden?  Der Tisch war nicht gedeckt und ein neues Smartphone habe ich auch nicht gefunden, nur das gläserne Pfeifchen, das der Zauberer bei mir vergessen hatte....

 


Der Zauber des bunten Hundes oder das handliche Genie


Einst lief die kleine Gaststube um die Ecke prächtig. Hein und seine kluge Frau Elise brauchten sich um nichts zu sorgen. Es war eine gute Zeit. 

Doch es kam der Tag, da blieben die Gäste nach und nach aus. Elise fing an Zeitungen auszutragen, um ein Zubrot zu verdienen, während ihr Mann über den Büchern saß und nach einer Lösung ihrer Geldsorgen suchte. Als seine Frau in den dämmrigen Morgenstunden durch den weißen unberührten Schnee stapfte und Zeitungen in die dafür vorgesehenen Rollen steckte, kam ein seltsamer bunter Hund um die Ecke.

"Was bist du denn für einer. Du armer Hund. Wer hat denn dich angemalt?"

Zu ihrer Überraschung antwortete der Hund "Ich bin nicht angemalt. Ich bin ein Zauberhund. Wenn du mich hinter den Ohren kraulst, geschieht ein Wunder!"

Das zauberhafte Wesen lächelte sie so freundlich an, dass sie nicht widerstehen konnten. Sie kraulte den Hund einmal hinter den Ohren. Nichts geschah.

"Ich glaube du bist einfach nur ein Hund, der gerne bekuschelt werden möchte", lachte sie.

"Nochmal," bettelte er. Sie kraulte ihn ein zweites Mal hinter den Ohren. Mit einem Mal stoben die Funken in den beginnenden Tag. Gleißendes Licht umgab das Tier. Elise war ganz geblendet und sah weg. Als sie wieder hinsah, sah sie einen hässlichen Mann. Die Haare hingen fettig und strähnig herab. Seine Kleidung war schmuddelig und er roch modrig

"Als Hund hast du mir aber besser gefallen."

"Kraule mir nur zweimal die Ohren und ich bin wieder der bunte Hund."

"Du bist sicher, dass du dich wieder in den kleinen süßen bunten Hund zurück verwandelst?"

"Ja."

So kraulte sie ihn erneut zweimal hinter den Ohren.

"Wau, wau, siehst Du jetzt bin ich wieder ein Hund." Er lächelte herzzerreißend. "Nimm mich mit nach Hause. Ich bin so allein."

"Ein sprechender Hund, der auch noch so süß lächeln kann und zudem auch noch bunt ist? Ja, dich nehme ich mit nach Hause." So trug es sich zu, dass der bunte Hund ein Zuhause bekam. Er verbrachte viele Stunden in der Gaststube.


Langsam sprach es sich im ganzen Land herum, dass ein Zauberwesen dort leben würde. Ein bunter Hund, der könne lächeln und reden, so sprachen die Menschen.  Die Gaststube füllte sich von Tag zu Tag mehr und mehr. Elise und Hein wurden wohlhabende Leute. Der Hund benahm sich unauffällig. Soweit, dass bei einem bunten, sprechenden Hund überhaupt möglich war. Doch eines Tages - es juckte ihm wohl das Fell - lief er auf eine besonders schöne Frau zu: "Kraule mich zwei Mal hinter den Ohren." Die Frau kraulte ihn. Da verwandelte sich der Hund wieder in diesen hässlichen Kerl. Die Schöne schrie auf. Die Wirtin wurde verlegen und Schamesröte stieg ihr ins Gesicht. Der Wirt kam herbeigelaufen mit dem Nudelholz in der Hand.

Bevor auch nur einer etwas unternehmen konnte, schleuderte der häßliche Kauz die Decke vom Klavier, das jahrelang unberührt herumgestanden hatte. Er nahm einen Kerzenleuchter, entzündete die Lichter und stellte ihn darauf. Dann begann er zu spielen. Es wurde still, unendlich still. In diese Stille hinein gebar sich die himmlische Musik. Sein Spiel war derartig berührend, dass selbst die brennenden Kerzen, so sagt man, sich vor ihm verbeugten.


Nachdem die Klänge verhallt waren, verwandelte sein Frauchen ihn wieder in einen Hund und ging mit ihm Gassi.



Das Fledermaus - Mädchen


Es war Vollmond als in einer windschiefen Hütte ein Mädchen das Licht der geheimnisvollen Nacht erblickte. Es folgte der sonnige, lachende Morgen. So wuchs das Kind heran. Des Nachts wachte es, tagsüber schlief es. Und konnte man die Hand vor Augen nicht sehen, so fand es doch immer den Weg in der Dunkelheit. Immer wieder schlich es aus der Hütte, wenn die Eulen zu ihrem Beutezug erwachten, hin zu jenem Turm. Um den Turm herum schwirrten die Fledermäuse. Flogen hinein und wieder hinaus. Ach, wie gerne wäre es einmal in mitten unter ihnen. Immer wieder ermahnte die Mutter: "Gehe nicht dorthin." Doch es konnte nicht anders. Es war wie ein unerklärlicher Zauber. Eines Tages entdeckte es eine nie vorher gesehene Tür. Sie führte in den Turm hinein. Das Mädchen öffnete sie und trat über die Schwelle. Es schaute sich noch einmal um, doch die Tür war mit einem Mal fort. So sehr es auch suchte, es fand nicht mehr hinaus. Nun weinte es bitterlich und blieb wie angewurzelt  auf dem Boden sitzen. Es konnte nie mehr nach Haus.

Die Fledermäuse hörten das Schluchzen. Eine nach der anderen flog hinab zu dem Mädchen. Sie versorgten es mit sonderbarer Speise und dem Nektar der Blüten, erzählten ihm Geschichten und wiegten es bei Tagesbeginn in den Schlaf. Mit der Zeit wuchsen dem Mädchen Fledermausflügel. Eines Tages folgte es ihnen, flog den Turm hinauf in die nächtliche Freiheit. Es war eine von ihnen. Doch war eine unbestimmte Sehnsucht so groß in seinem Herzen. Hätte es nicht vergessen, dass es nicht nur Fledermaus sondern auch ein Mädchen war, es hätte von Vater und Mutter gewusst. Des Nachts flog es  zur windschiefen Hütte, ohne zu wissen warum. Seine Eltern standen am Fenster und schauten hinaus. Doch erkannten sie ihr Mädchen nicht, das vorüberflog. Auch am nächsten Tag standen die Eltern am Fenster, sahen ihre Tochter in die Stube hineinblicken und ahnten nicht wer sie war. Am dritten Tag vergaßen Vater und Mutter die Haustüre zu schließen. Das Mädchen huschte durch den Spalt hinein. Da sah es Vater und Mutter in der Stube am Fenster stehen und sehnsuchtsvoll in die Ferne schauen. Bei dem Anblick rührte sich etwas in seinem Herzen: "Vater? Mutter?"

Die Eltern wandten sich dem Mädchen zu, "Kind?" Nun schlossen sie ihre Tochter endlich in die Arme und ließen sie nicht mehr los.

Das Mädchen wurde erwachsen. Die Zerrissenheit war geblieben. War es Fledermaus? War es Mensch?  Es ging auf eine lange Reise. Eines Tages, es war sehr müde, ein Unwetter nahte, da entdeckte es im Felsen eine Höhle. Es trat ein. Ein Duft von feinsten Speisen umfing es. Stimmen waren zu hören und Jubelrufe: "Unser Freund der junge Menschenkönig kommt. Der König kommt! Hurra! Der König kommt." Schließlich kam es in einen großen Saal. Kerzen erleuchteten ihn. Eine lange Tafel war eingedeckt. Überall flogen Fledermäuse geschäftig hin und her. Das war ein Flattern und Flügelschlagen. Schließlich ertönte ein Horn: "Der König ist da!"

Nun trat der junge König herein, in Samt und Seide gehüllt, in einer sonderbaren Schönheit, nicht von dieser Welt. Hinter ihm sein Gefolge. Schließlich speisten und feierten alle gemeinsam. Sie tranken Blütennektar, labten sich an den süßen Früchten und naschten so manches Insekt. Von dem Treiben ging eine solche Leichtigkeit aus, dass das Mädchen aus seinem Versteck hervorkroch. Als der König es sah, da schauten sie einander in die Augen und entdeckten den Grund ihrer Seelen. Die Musiker spielten auf. Der Tanz hob von neuem an. Da warf der junge König seinen purpurnen Umhang ab und breitete seine Fledermausflügel aus. Von tiefer Freude erfüllt tat das Mädchen es ihm gleich. Wie sie einander erkannten, verwandelten sich ihre Fledermausflügel in Engelsflügel. Sie flogen hinaus in die stille Nacht und wurden nie mehr gesehen.


Eine willkommene Lüge

 

Er kam von der Arbeit, schloss die Wohnungstür auf, ging hinein, legte die Einkäufe auf den Küchentisch. Der junge Mann zog sein Jackett aus, warf es über die Lehne des Küchenstuhls, zog das weiße gestärkte Hemd aus seiner Jeans und lockerte den Knoten seiner dunkelblauen Lederkrawatte. Er kochte sich Nudeln, schwenkte sie in Olivenöl und würzte sie mit frischen Kräutern. Nils deckte den Tisch, goß sich ein Glas Rotwein ein. Während er die Nudeln mit Hilfe seiner Gabel aufrollte, schaute er auf den leeren Stuhl gegenüber. Schließlich blickte er aus dem Fenster. Die Straße war leer. Es dämmerte.

 

Nach dem er gespeist hatte, wollte er die Waschmaschine anstellen. Da erst bemerkte er, dass er vergessen hatte,  Waschmittel zu kaufen. 

 

Früher, in seiner Wohngemeinschaft, wurden solche Mengen an Waschmittel, Toilettenpapier und Haushaltsrollen gekauft, dass sie kunstvoll aufgestapelt werden mussten. Nicht selten fielen einem die Waren entgegen, sobald man die Vorratskammertür öffnete. Er musste unwillkürlich lächeln bei dem Gedanken.

 

Die Zeit der Wohngemeinschaften war vorüber. Das Studium hatte er mit Erfolg absolviert. Jetzt ging er einer Arbeit nach und verdiente gutes Geld. Er sehnte sich seine ehemaligen Mitbewohner herbei, diese verrückte Bande! Sabine! Was haben sie zusammen gelacht und erlebt! Alex und Maike! Sie waren schon ein gutes Quartett. Abgesehen vom Putzdienst. So eine Wohnung reinigt sich seltsamerweise nicht von allein! Es war eine schöne Zeit, die Stockwerksfeten im Wohnheim, gemeinsam kochen oder essen in der Mensa, die Theatergruppe... Man lernte so viele Menschen kennen und schätzen.

Er studierte die Lehrbücher, oft bis in die Nacht hinein. Es war eine wahrhaft schöne Zeit, die schönste wohl in seinem bisherigen Leben.

 

Was ist geblieben?

 

Gedankenverloren warf sich Nils einen Pullover über die Schultern und ging hinaus. Er schlenderte durch den Park, kehrte in eine Gaststube ein, trank etwas und schaute sich um. Da er nichts entdecken konnten, das ihn erfüllte, verließ er den Ort der Gastlichkeit. Ziellos irrte er durch die Häuserschluchten der fremden Stadt.

 

Doch mit einem Mal hielt er inne. Ihm wurde warm ums Herz. Aus dem Augenwinkel sah er in einem Auto eine Frau sitzen. Diese schwarzen kinnlangen Haare mit der einen silbernen Strähne, das konnte doch nur Sabine sein! Sein Herz schlug einmal mehr als gewöhnlich. Vielleicht hatte sie Zeit? Wie ist es ihr wohl ergangen nach dem Studium, was sie wohl arbeitet, ob sie wohl ihren Traum von der Weltreise verwirklicht hatte und wenn ja, was hatte sie alles erlebt? An der Ampel hielt sie an. Er stürzte hin zum Auto, „Sabine, Sabine! Ich fasse es nicht!“ Sie kurbelte die Scheibe weiter hinunter und da sah er in ein fremdes Gesicht. Nein sie war es nicht. Das wusste er jetzt ganz genau. Sie spielte am Kragen ihres rotweißgepunkteten Kleides, lächelte mit einem wachen, warmen Blick aus braunen Augen. „Das muss wohl ein Irrtum sein.“

Geknickt wandte er sich ab. Nils würde sich nie an das Alleinsein gewöhnen. Es war hart, der Beginn in einer fremden Stadt. Sicher, es würde nicht so bleiben.  Aber j e t z t war es so. Und er hasste es. Enttäuscht ging der ehemalige Student weiter, seiner leeren Wohnung entgegen, als die gelbe Ente neben ihm zum Stehen kam. Die junge Frau mit den schwarzen Haaren und der einen silbernen Strähne kurbelte erneut das Fenster herunter. „Ich bin Sabine! Das vorhin war ein Scherz.“ Freudig überrascht drehte er sich um und schaute in das fröhliche Gesicht der Unbekannten: „Das wusste ich!“, antwortete er augenzwinkernd.

copyright by Marietta Jeannette Rohde

 

 

Was für ein Schatz!

 

Es war einmal ein Bauer und eine Bäuerin. Tag für Tag standen Sie mit dem ersten Hahnenschrei  auf. Die Frau schlurfte in die Küche. Sie stellte den alten Kessel auf die Brennhexe und ließ den Hirsebrei quellen. Mürrisch stampfte ihr Mann hinaus, um die Kuh zu melken: "Das ist deine Aufgabe!"

Sie rief ihm hinterher: "Dann koche doch du den Kaffee und den Hirsebrei!"

Er kam mit einem Krug Milch zurück und goss sie in die leeren Kaffeepötte. Sie goss den dampfenden Kaffee darauf. Der Bauer füllte nun den Hirsebrei in das irdene Geschirr und trug ihn zum Esstisch. Sie kam mit den Kaffeepötten hinterher.  Der Alte setzte sich auf den Stuhl, denn er liebte es, sich anzulehnen. Die Alte setzte sich auf den Hocker, denn sie liebte es, den Rücken frei zu haben.

Nachdem Sie fertig waren, stellte der Mann die Schälchen ineinander, legte die Löffel hinein und brachte alles in die Küche. Die Frau nahm die Kaffeepötte. Nach dem Frühstück gab er ihr einen Kuss auf die Stirn und ging seiner Arbeit auf dem Feld nach. Sie kümmerte sich um die Tiere und um den Haushalt…

Am Abend ruhten sie von Ihrem Tagwerk aus. Sie sprachen  nicht miteinander. Doch sie schwiegen nicht ohne den anderen.  

 

Am nächsten Morgen standen sie wieder mit dem ersten Hahnenschrei  auf. Die Frau schlurfte in die Küche. Sie stellte den alten Kessel auf das Feuer der Brennhexe und ließ den Hirsebrei quellen. Mürrisch stampfte ihr Mann hinaus, um die Kuh zu melken: 

"Das ist deine Aufgabe!"

Sie rief ihm hinterher: "Dann koche doch du den Kaffee und den Hirsebrei!"

Er kam mit einem Krug Milch zurück und goss sie in die leeren Kaffeepötte. Sie goss den dampfenden Kaffee darauf. Der Bauer füllte nun den Hirsebrei in das irdene Geschirr und trug ihn zum Esstisch. Sie kam mit den Kaffeepötten hinterher.  Der Alte setzte sich auf den Stuhl, denn er liebte es, sich anzulehnen. Die Alte setzte sich auf den Hocker, denn sie liebte es, den Rücken frei zu haben.

Nachdem Sie fertig waren, stellte der Mann die Schälchen ineinander, legte die Löffel hinein und brachte alles in die Küche. Die Frau nahm die Kaffeepötte. Nach dem Frühstück gab er ihr einen Kuss auf die Stirn und ging seiner Arbeit auf dem Feld nach. Sie kümmerte sich um die Tiere und um den Haushalt…

Am Abend ruhten sie von Ihrem Tagwerk aus. Sie sprachen  nicht miteinander. Doch sie schwiegen nicht ohne den anderen.

 

So verging ein Tag wie der andere und das Paar war es zufrieden. Doch eines Tages trug es sich zu, dass der Bauer ganz aufgeregt in der Mittagszeit nach Hause kam. „Else, schau mal, was ich gefunden habe. Komm in die Küche - schnell.“  „Was ist das Hans?“ Der Alte stellte ein Kästchen auf den Tisch. Es war noch ganz voller Erde. Er hatte es beim Pflügen ans Tageslicht gebracht. Vorsichtig öffneten Sie es. Als es offen stand, erblickten sie eine rote aus sich selbst heraus leuchtende Kugel. Von dieser Kugel ging ein Zauber aus. Der Zauber der Veränderung bringt. So als ob die Bäuerin es geahnt hätte, rief sie: „Mach es zu. Schnell. Das birgt nichts Gutes!“ Auch er spürte, was sie spürte: „Wir sollten es im Garten vergraben, dann ist es weg.“ „Ja Hans, das ist eine gute Idee.“ Nun gruben die beiden ein tiefes Loch im Garten. Sie warfen die wunderbare schwarze fruchtbare Erde auf. Versenkten die Schachtel darin, häufelten die Erde darauf, bis das Loch geschlossen war und der Boden wieder eben.

Am nächsten Tag hatte sich etwas verändert - der Zauber hatte schon gewirkt

 

Der Bauer und die Bäuerin standen mit dem ersten Hahnenschrei  auf. Die Frau schlurfte in die Küche. Sie stellte den alten Kessel auf das Feuer der Brennhexe und ließ den Hirsebrei quellen. Mürrisch stampfte ihr Mann hinaus, um die Kuh zu melken: 

"Das ist deine Aufgabe!"

Sie rief ihm hinterher: "Dann koche doch du den Kaffee und den Hirsebrei!"

         

Er kam mit einem Krug Milch zurück und goss sie in die leeren Kaffeepötte. Sie goss den dampfenden Kaffee darauf. Der Bauer füllte nun den Hirsebrei in das irdene Geschirr und trug ihn zum Esstisch. Sie kam mit den Kaffeepötten hinterher. 

Nun kam der große Augenblick, der ihr Leben veränderte:  Denn jetzt setzte sich der Alte auf den Hocker und die Alte setzte sich auf den Stuhl!

 

Wie das mit den Beiden weitergegangen ist, weiß ich nicht so genau. Ich habe aber so eine Ahnung, denn in ihrem Garten wuchs in Windeseile ein Baum heran, genau an der Stelle wo sie das Kästchen vergraben hatten. Er trug wundersame Frucht, wo man nur hinsah, rot, kugelig und aus sich selbst heraus leuchtend.

Copyright by Marietta Jeannette Rohde

 

Der Teddy am Rucksack

 

Es war ein verregneter Novembertag. So beschloss ich mit dem Zug statt mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Als ich im Abteil saß, sprach mich ein Herr, der mir gegenüber saß, freundlich an. Er deutete auf meinen Rucksack. Dieser hatte eine unglaublich schöne Patina. Man könnte auch sagen, er wäre sehr alt und versifft, denn er hatte schon etliche Jahre auf dem Buckel. An meinem Rucksack baumelte ein Herz, das  einen schönen Klang erzeugte,  wenn man es schüttelte und ein  kleiner Teddy. Der Fremde deutete auf das Kuscheltier: „Der hat aber eine Menge durchgemacht." Daraufhin schaute ich mir den Teddy an. Oh, ja! Er war schmutzig und das Fell war gar nicht mehr flauschig. Ein Auge war gar nicht mehr zu sehen. Ich war betroffen wie ein Kind, das plötzlich erwachsen geworden war und feststellt, dass sein Spielzeug seinen Glanz verloren hat.

„Das Leben ist halt kein Ponyhof ", antwortete ich lächelnd. „Nein", sagte er bedauernd,  „ das ist es nicht. Aber der kleine Bär steht ja auch voll im Leben, was der alles sieht und erlebt." Ja, das stimmte natürlich. Er war da, wo ich war. Er kannte die Kälte des Winters, die kuscheligen Stunden vor dem warmen Ofen, den andauernden Regen, den Wind und den Sturm, die Sonne, die durch das grüne Blätterdach fällt oder durch das bunte Laub. Versöhnende Musik und Lärm.  Er hatte so manches vertrauliche Gespräch mit angehört und fremde Länder gesehen. Obwohl er immer bei mir war, schenkte ich ihm keine Aufmerksamkeit.

 

Das sollte anders werden. Da mein Teddy sehr schmutzig war, steckte ich ihn erst einmal mit den Handtüchern zusammen in die Waschmaschine.  Als ich die Türe von der Waschmaschine schloss, war es mir, als hätte ich einen Wichtel gesehen, der mich böse ansah. Ich blinkerte mit den Augen. Er war fort. Ich hatte es mir wohl nur eingebildet. Am Abend war die Wäsche fertig und das Bärchen endlich sauber. Nur das Fell war noch immer struppig. So steckte ich den Teddy zusammen mit den Handtüchern in den Trockner. Als ich die Trocknertür schloss, war es mir wieder, als würde ich für den Bruchteil eines Augenblicks einen Wichtel sehen, der mich aus vorwurfsvollen Augen ansah! Nun war das Bärchen endlich trocken. Es war wie neu! Wie  flauschig es war! Ich nahm eine Nagelschere und schnitt sein Auge frei, damit es besser sehen konnte. Hatte ich da schon wieder diesen Wichtel gesehen? Ich ließ den Teddy auf dem Trockner liegen.

 

Des Nachts erschien der Wichtel und sprach das Bärchen an. „Das Leben ist kein Ponyhof, nicht wahr?" Das Kuscheltier nickte. „Ist Dir in der Waschmaschine gar nicht schlecht geworden?" fuhr der Wichtel fort. „Doch," antwortete das Zottelwesen, „Ich war regelrecht seekrank. Kaum hatte ich mich auf eine Drehrichtung eingestellt, wechselte das blöde  Ding  wieder in die andere Richtung. Ich hatte auch das Gefühl zu ertrinken. Und wozu das alles?!" „Das frage ich mich auch",  erwiderte das kleine Männchen, „ wie war es denn im Trockner?"„Heiß",  antwortete der Teddy, „ viel zu heiß! Und dann diese Seekrankheit."

„Dann hast Du Dich sicherlich übergeben in die schönen weißen sauberen Handtücher hinein?", feixte der Wichtel. „Nein", sagte das Bärchen bedauernd.

 

Ach, der Teddy wollte gar nicht mehr daran denken. Der Wichtel verstand und verschwand. Nach einiger Zeit kam er wieder zurück, ein kleines T-Shirt im Arm.  Er zog es dem Teddy an. Das Bärchen freute sich sehr. Besonders der Schriftzug auf dem Shirt gefiel ihm sehr gut. Als ich am nächsten Tag das kleine Wesen wieder an meinen Rucksack befestigen wollte, staunte ich nicht schlecht. Da trug doch das Kuscheltier ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Mich kriegt keiner klein.“ Und wie ich so staunte, hatte ich das Gefühl, der kleine Bär würde mich triumphierend anlächeln.

Copyright by Marietta Jeannette Rohde

 

 

Die Seelenkrähe

 

Es war einmal vor langer Zeit ein weiser und gerechter König. Er suchte den Frieden in allem was er dachte oder tat.  Dafür liebte und verehrte ihn sein Volk. Doch es kam der Tag an dem Unruhen die Landesgrenze erschütterten. Es wurde geplündert. Dörfer gingen in Flammen auf. Der schwarze Rauch stieg wie ein Mahnmal in den wolkenlosen Himmel. Die Worte des Königs verloren ihre Macht. Die Gier war wie ein wildes Tier. Eines Tages wusste der König, er musste seinen Sohn ziehen lassen.

 

Der Königssohn führte sein Heer in die Schlacht. Ihre Lanzen waren so scharf wie ihre Augen. Sie waren geschult. Sie waren tapfer. Dennoch überlebten nur wenige. Überlegen an Zahl und Härte war der Feind. Mutig führte der Prinz seine Lanze. Bis sie brach und er zu Boden sank. Ein Wurfspeer durchbohrte seine Brust. Die  Überlebenden eilten ihm zur Hilfe. Als sie sich in Sicherheit fühlten, bauten sie ihm eine Trage und brachten ihn zu einer Heilerin, die  in einer kleinen windschiefen Hütte lebte, umgeben von alten knorrigen Eichen. Heilpflanzen blühten und dufteten würzig in ihrem Kräutergarten.

 

Als die Jünglinge ihn in ihrer Hütte auf ein blütenweißes Laken gebettet hatten, zog sie das Schwert heraus. Mit allerlei Kräuterelexieren säuberte sie ihm die Wunde. Dann verband sie ihn. Die Zeit verstrich. Tag und Nacht weilte sie bei ihm. Immer häufiger bekam sie ein zärtliches Gefühl, wenn sie ihm die Stirn kühlte, wenn sie ihn berührte. Eines Tages fanden ihre Lippen zueinander. Als sie sich berührten, hauchte er sein Leben aus.

 

Viele Menschen entkamen dem Tod durch die heilenden Hände der Heilerin. Doch keiner wollte sich daran erinnern. Ihr wurde hinterher gerufen, sie wäre eine Hexe. Er wäre gestorben, nur durch Ihren FLuch. Es wurde Holz und Reisig aufgeschichtet. Das Feuer züngelte an ihren Rocksäumen, bevor ihre Seele den Körper verließ.

 

Nachdem viele Monde am Himmel gewechselt hatten, gekommen waren und gegangen, wurde der Prinz als Krähe wiedergeboren. Die Heilerin kam als Prinzessin zur Welt. Das Mädchen wuchs heran, wurde schöner mit jedem Tag. Die Tiere waren ihre Freunde. Sie verstand ihre Sprache. Ach, es war ihr ganzes Glück.

 

Die Krähe aber, war ein getriebenes Wesen. Eine Sehnsucht verfolgte sie, die sie nicht ruhen ließ. Sie flog von Land zu Land. Wie im Wahn suchend, nicht wissend wonach. Schließlich vergaß sie zu fressen. Fiel erschöpft und halb verhungert vom Himmel, direkt in den Garten der Prinzessin. Als das Mädchen den Vogel entdeckte, pflegte sie ihn, flößte ihn Futter und Wasser ein. Die Prinzessin schiente seinen Flügel und liebkoste ihn.  Da fühlte er, wonach er sich die ganze Zeit gesehnt hatte. Die Sehnsucht wurde so übermächtig, dass sie einen Zauber entfachte. Des Nachts verwandelte sich die Krähe in einen wunderschönen Jüngling. Mit Verwunderung und Neugier erlebte die Prinzessin seine Wandlung. Eines Nachts bevor der Tau die wilden Gräser berührte, gab sie sich ihm hin. 

 

Doch nach vielen erfüllten Nächten wachte die Krähe auf, wusste nicht mehr, wer sie eigentlich war. Sie flog durch das offene Fenster. Sie musste sich selber wieder finden. Sie war eine Krähe und sie würde es bleiben. 

 

Wenn die Sehnsucht zu groß wurde, kehrte sie zum Schloss zurück. Sie setzte sich auf einen Ast und schaute der Prinzessin zu bei dem was sie gerade tat. Dann beschloss die Krähe: "In meinem nächsten Leben werde ich als Mensch geboren." Die Prinzessin bemerkte ihn oft. Und immer, wenn sie ihn sah, nahm sie sich vor: "In meinem nächsten Leben werde ich als Krähe geboren. "


 

 

 

 

Copright by Marietta Jeannette Rohde