Die Märchenerzählerin aus Lübeck erzählt Märchen und märchenhafte Geschichten zum Träumen, Aufwachen und Schmunzeln

Das Mädchen mit den Fledermausflügeln 

Es war Vollmond als in einer windschiefen Hütte ein Mädchen das Licht der geheimnisvollen Nacht erblickte. Es folgte der sonnige, lachende Morgen. So wuchs das Kind heran. Des Nachts wachte es, tagsüber schlief es. Und konnte man die Hand vor Augen nicht sehen, so fand es doch immer den Weg in der Dunkelheit. Immer wieder schlich es aus der Hütte, wenn die Eulen zu ihrem Beutezug erwachten, hin zu jenem Turm. Um den Turm herum schwirrten die Fledermäuse. Flogen hinein und wieder hinaus. Ach, wie gerne wäre es einmal in mitten unter ihnen. Immer wieder ermahnte die Mutter: "Gehe nicht dorthin." Doch es konnte nicht anders. Es war wie ein unerklärlicher Zauber. Eines Tages entdeckte es eine nie vorher gesehene Tür. Sie führte in den Turm hinein. Das Mädchen öffnete sie und trat über die Schwelle. Es schaute sich noch einmal um, doch die Tür war mit einem Mal fort. So sehr es auch suchte, es fand nicht mehr hinaus. Nun weinte es bitterlich und blieb wie angewurzelt  auf dem Boden sitzen. Es konnte nie mehr nach Haus.

Die Fledermäuse hörten das Schluchzen. Eine nach der anderen flog hinab zu dem Mädchen. Sie versorgten es mit sonderbarer Speise und dem Nektar der Blüten, erzählten ihm Geschichten und wiegten es bei Tagesbeginn in den Schlaf. Mit der Zeit wuchsen dem Mädchen Fledermausflügel. Eines Tages folgte es ihnen, flog den Turm hinauf in die nächtliche Freiheit. Es war eine von ihnen. Doch war eine unbestimmte Sehnsucht so groß in seinem Herzen. Hätte es nicht vergessen, dass es nicht nur Fledermaus sondern auch ein Mädchen war, es hätte von Vater und Mutter gewusst. Des Nachts flog es  zur windschiefen Hütte, ohne zu wissen warum. Seine Eltern standen am Fenster und schauten hinaus. Doch erkannten sie ihr Mädchen nicht, das vorüberflog. Auch am nächsten Tag standen die Eltern am Fenster, sahen ihre Tochter in die Stube hineinblicken und ahnten nicht wer sie war. Am dritten Tag vergaßen Vater und Mutter die Haustüre zu schließen. Das Mädchen huschte durch den Spalt hinein. Da sah es Vater und Mutter in der Stube am Fenster stehen und sehnsuchtsvoll in die Ferne schauen. Bei dem Anblick rührte sich etwas in seinem Herzen: "Vater? Mutter?"

Die Eltern wandten sich dem Mädchen zu, "Kind?" Nun schlossen sie ihre Tochter endlich in die Arme und ließen sie nicht mehr los.

Das Mädchen wurde erwachsen. Die Zerrissenheit war geblieben. War es Fledermaus? War es Mensch?  Es ging auf eine lange Reise. Eines Tages, es war sehr müde, ein Unwetter nahte, da entdeckte es im Felsen eine Höhle. Es trat ein. Ein Duft von feinsten Speisen umfing es. Stimmen waren zu hören und Jubelrufe: "Unser Freund der junge Menschenkönig kommt. Der König kommt! Hurra! Der König kommt." Schließlich kam es in einen großen Saal. Kerzen erleuchteten ihn. Eine lange Tafel war eingedeckt. Überall flogen Fledermäuse geschäftig hin und her. Das war ein Flattern und Flügelschlagen. Schließlich ertönte ein Horn: "Der König ist da!"

Nun trat der junge König herein, in Samt und Seide gehüllt, in einer sonderbaren Schönheit, nicht von dieser Welt. Hinter ihm sein Gefolge. Schließlich speisten und feierten alle gemeinsam. Sie tranken Blütennektar, labten sich an den süßen Früchten und naschten so manches Insekt. Von dem Treiben ging eine solche Leichtigkeit aus, dass das Mädchen aus seinem Versteck hervorkroch. Als der König es sah, da schauten sie einander in die Augen und entdeckten den Grund ihrer Seelen. Die Musiker spielten auf. Der Tanz hob von neuem an. Da warf der junge König seinen purpurnen Umhang ab und breitete seine Fledermausflügel aus. Von tiefer Freude erfüllt tat das Mädchen es ihm gleich. Wie sie einande erkannten, verwandelten sich ihre Fledermausflügel in Engelsflügel. Sie flogen hinaus in die stille Nacht und wurden nie mehr gesehen.

Copyright by Marietta Rohde