Die Märchenerzählerin aus Lübeck erzählt Märchen und märchenhafte Geschichten zum Träumen, Aufwachen und Schmunzeln

Der Teddy am Rucksack 

Es war ein verregneter Novembertag. So beschloss ich mit dem Zug statt mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Als ich im Abteil saß, sprach mich ein Herr, der mir gegenüber saß, freundlich an. Er deutete auf meinen Rucksack. Dieser hatte eine unglaublich schöne Patina. Man könnte auch sagen, er wäre sehr alt und versifft, denn er hatte schon etliche Jahre auf dem Buckel. An meinem Rucksack baumelte ein Herz, das  einen schönen Klang erzeugte,  wenn man es schüttelte und ein  kleiner Teddy. Der Fremde deutete auf das Kuscheltier: „Der hat aber eine Menge durchgemacht." Daraufhin schaute ich mir den Teddy an. Oh, ja! Er war

schmutzig und das Fell war gar nicht mehr flauschig. Ein Auge war gar nicht mehr zu sehen. Ich war betroffen wie ein Kind, das plötzlich erwachsen geworden war und feststellt, dass sein Spielzeug seinen Glanz verloren hat.

„Das Leben ist halt kein Ponyhof ", antwortete ich lächelnd. „Nein", sagte er bedauernd,  „ das ist es nicht. Aber der kleine Bär steht ja auch voll im Leben, was der alles sieht und erlebt." Ja, das stimmte natürlich. Er war da, wo ich war. Er kannte die Kälte des Winters, die kuscheligen Stunden vor dem warmen Ofen, den andauernden Regen, den Wind und den Sturm, die Sonne, die durch das grüne Blätterdach fällt oder durch das bunte Laub. Versöhnende Musik und Lärm.  Er hatte so manches vertrauliche Gespräch mit angehört und fremde Länder gesehen. Obwohl er immer bei mir war, schenkte ich ihm keine Aufmerksamkeit.

 

Das sollte anders werden. Da mein Teddy sehr schmutzig war, steckte ich ihn erst einmal mit den Handtüchern zusammen in die Waschmaschine.  Als ich die Türe von der Waschmaschine schloss, war es mir, als hätte ich einen Wichtel gesehen, der mich böse ansah. Ich blinkerte mit den Augen. Er war fort. Ich hatte es mir wohl nur eingebildet. Am Abend war die Wäsche fertig und das Bärchen endlich sauber. Nur das Fell war noch immer struppig. So steckte ich den Teddy zusammen mit den Handtüchern in den Trockner. Als ich die Trocknertür schloss, war es mir wieder, als würde ich für den Bruchteil eines Augenblicks einen Wichtel sehen, der mich aus vorwurfsvollen Augen ansah! Nun war das Bärchen endlich trocken. Es war wie neu! Wie  flauschig es war! Ich nahm eine Nagelschere und schnitt sein Auge frei, damit es besser sehen konnte. Hatte ich da schon wieder diesen Wichtel gesehen? Ich ließ den Teddy auf dem Trockner liegen.

 

Des Nachts erschien der Wichtel und sprach das Bärchen an. „Das Leben ist kein Ponyhof, nicht wahr?" Das Kuscheltier nickte. „Ist Dir in der Waschmaschine gar nicht schlecht geworden?" fuhr der Wichtel fort. „Doch," antwortete das Zottelwesen, „Ich war regelrecht seekrank. Kaum hatte ich mich auf eine Drehrichtung eingestellt, wechselte das blöde  Ding  wieder in die andere Richtung. Ich hatte auch das Gefühl zu ertrinken. Und wozu das alles?!" „Das frage ich mich auch",  erwiderte das kleine Männchen, „ wie war es denn im Trockner?"„Heiß",  antwortete der Teddy, „ viel zu heiß! Und dann diese Seekrankheit."

„Dann hast Du Dich sicherlich übergeben in die schönen weißen sauberen Handtücher hinein?", feixte der Wichtel. „Nein", sagte das Bärchen bedauernd.

 Ach, der Teddy wollte gar nicht mehr daran denken. Der Wichtel verstand und verschwand. Nach einiger Zeit kam er wieder zurück, ein kleines T-Shirt im Arm.  Er zog es dem Teddy an. Das Bärchen freute sich sehr. Besonders der Schriftzug auf dem Shirt gefiel ihm sehr gut. Als ich am nächsten Tag das kleine Wesen wieder an meinen Rucksack befestigen wollte, staunte ich nicht schlecht. Da trug doch das Kuscheltier ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Mich kriegt keiner klein.“ Und wie ich so staunte, hatte ich das Gefühl, der kleine Bär würde mich triumphierend anlächeln.

Copyright by Marietta Jeannette Rohde