Die Märchenerzählerin aus Lübeck erzählt Märchen und märchenhafte Geschichten zum Träumen, Aufwachen und Schmunzeln

Die Seelenkrähe 

Es war einmal vor langer Zeit ein weiser und gerechter König. Er suchte den Frieden in allem was er dachte oder tat.  Dafür liebte und verehrte ihn sein Volk. Doch es kam der Tag an dem Unruhen die Landesgrenze erschütterten. Es wurde geplündert. Dörfer gingen in Flammen auf. Der schwarze Rauch stieg wie ein Mahnmal in den wolkenlosen Himmel. Die Worte des Königs verloren ihre Macht. Die Gier war wie ein wildes Tier. Eines Tages wusste der König, er musste seinen Sohn ziehen lassen.

 

Der Königssohn führte sein Heer in die Schlacht. Ihre Lanzen waren so scharf wie ihre Augen. Sie waren geschult. Sie waren tapfer. Dennoch überlebten nur wenige. Überlegen an Zahl und Härte war der Feind. Mutig führte der Prinz seine Lanze. Bis sie brach und er zu Boden sank. Ein Wurfspeer durchbohrte seine Brust. Die  Überlebenden eilten ihm zur Hilfe. Als sie sich in Sicherheit fühlten, bauten sie ihm eine Trage und brachten ihn zu einer Heilerin, die  in einer kleinen windschiefen Hütte lebte, umgeben von alten knorrigen Eichen. Heilpflanzen blühten und dufteten würzig in ihrem Kräutergarten.

 

Als die Jünglinge ihn in ihrer Hütte auf ein blütenweißes Laken gebettet hatten, zog sie das Schwert heraus. Mit allerlei Kräuterelexieren säuberte sie ihm die Wunde. Dann verband sie ihn. Die Zeit verstrich. Tag und Nacht weilte sie bei ihm. Immer häufiger bekam sie ein zärtliches Gefühl, wenn sie ihm die Stirn kühlte, wenn sie ihn berührte. Eines Tages fanden ihre Lippen zueinander. Als sie sich berührten, hauchte er sein Leben aus.

Viele Menschen entkamen dem Tod durch die heilenden Hände der Heilerin. Doch keiner wollte sich daran erinnern. Ihr wurde hinterher gerufen, sie wäre eine Hexe. Er wäre gestorben, nur durch Ihren FLuch. Es wurde Holz und Reisig aufgeschichtet. Das Feuer züngelte an ihren Rocksäumen, bevor ihre Seele den Körper verließ.

 

Nachdem viele Monde am Himmel gewechselt hatten, gekommen waren und gegangen, wurde der Prinz als Krähe wiedergeboren. Die Heilerin kam als Prinzessin zur Welt. Das Mädchen wuchs heran, wurde schöner mit jedem Tag. Die Tiere waren ihre Freunde. Sie verstand ihre Sprache. Ach, es war ihr ganzes Glück.

 

Die Krähe aber, war ein getriebenes Wesen. Eine Sehnsucht verfolgte sie, die sie nicht ruhen ließ. Sie flog von Land zu Land. Wie im Wahn suchend, nicht wissend wonach. Schließlich vergaß sie zu fressen. Fiel erschöpft und halb verhungert vom Himmel, direkt in den Garten der Prinzessin. Als das Mädchen den Vogel entdeckte, pflegte sie ihn, flößte ihn Futter und Wasser ein. Die Prinzessin schiente seinen Flügel und liebkoste ihn.  Da fühlte er, wonach er sich die ganze Zeit gesehnt hatte. Die Sehnsucht wurde so übermächtig, dass sie einen Zauber entfachte. Des Nachts verwandelte sich die Krähe in einen wunderschönen Jüngling. Mit Verwunderung und Neugier erlebte die Prinzessin seine Wandlung. Eines Nachts bevor der Tau die wilden Gräser berührte, gab sie sich ihm hin. 

 

Doch nach vielen erfüllten Nächten wachte die Krähe auf, wusste nicht mehr, wer sie eigentlich war. Sie flog durch das offene Fenster. Sie musste sich selber wieder finden. Sie war eine Krähe und sie würde es bleiben. 

 

Wenn die Sehnsucht zu groß wurde, kehrte sie zum Schloss zurück. Sie setzte sich auf einen Ast und schaute der Prinzessin zu bei dem was sie gerade tat. Dann beschloss die Krähe: "In meinem nächsten Leben werde ich als Mensch geboren." Die Prinzessin bemerkte ihn oft. Und immer, wenn sie ihn sah, nahm sie sich vor: "In meinem nächsten Leben werde ich als Krähe geboren. "

Copyriht by Marietta Rohde