Die Märchenerzählerin aus Lübeck erzählt Märchen und märchenhafte Geschichten zum Träumen, Aufwachen und Schmunzeln

Eine willkommene Lüge 

Er kam von der Arbeit, schloss die Wohnungstür auf, ging hinein, legte die Einkäufe auf den Küchentisch. Der junge Mann zog sein Jackett aus, warf es über

die Lehne des Küchenstuhls, zog das weiße gestärkte Hemd aus seiner Jeans und lockerte den Knoten seiner dunkelblauen Lederkrawatte. Er kochte sich Nudeln, schwenkte sie in Olivenöl und würzte sie mit frischen Kräutern. Nils deckte den Tisch, goß sich ein Glas Rotwein ein. Während er die Nudeln mit Hilfe seiner Gabel aufrollte, schaute er auf den leeren Stuhl gegenüber. Schließlich blickte er aus dem Fenster. Die Straße war leer. Es dämmerte.

 

Nach dem er gespeist hatte, wollte er die Waschmaschine anstellen. Da erst bemerkte er, dass er vergessen hatte,  Waschmittel zu kaufen. 

 

Früher, in seiner Wohngemeinschaft, wurden solche Mengen an Waschmittel, Toilettenpapier und Haushaltsrollen gekauft, dass sie kunstvoll aufgestapelt werden mussten. Nicht selten fielen einem die Waren entgegen, sobald man die Vorratskammertür öffnete. Er musste unwillkürlich lächeln bei dem Gedanken.

 

Die Zeit der Wohngemeinschaften war vorüber. Das Studium hatte er mit Erfolg absolviert. Jetzt ging er einer Arbeit nach und verdiente gutes Geld. Er sehnte sich seine ehemaligen Mitbewohner herbei, diese verrückte Bande! Sabine! Was haben sie zusammen gelacht und erlebt! Alex und Maike! Sie waren schon ein gutes Quartett. Abgesehen vom Putzdienst. So eine Wohnung reinigt sich seltsamerweise nicht von allein! Es war eine schöne Zeit, die Stockwerksfeten im Wohnheim, gemeinsam kochen oder essen in der Mensa, die Theatergruppe... Man lernte so viele Menschen kennen und schätzen.

Er studierte die Lehrbücher, oft bis in die Nacht hinein. Es war eine wahrhaft schöne Zeit, die schönste wohl in seinem bisherigen Leben.

 

Was ist geblieben?

 

Gedankenverloren warf sich Nils einen Pullover über die Schultern und ging hinaus. Er schlenderte durch den Park, kehrte in eine Gaststube ein, trank etwas und schaute sich um. Da er nichts entdecken konnten, das ihn erfüllte, verließ er den Ort der Gastlichkeit. Ziellos irrte er durch die Häuserschluchten der fremden Stadt.

Doch mit einem Mal hielt er inne. Ihm wurde warm ums Herz. Aus dem Augenwinkel sah er in einem Auto eine Frau sitzen. Diese schwarzen kinnlangen Haare mit der einen silbernen Strähne, das konnte doch nur Sabine sein! Sein Herz schlug einmal mehr als gewöhnlich. Vielleicht hatte sie Zeit? Wie ist es ihr wohl ergangen nach dem Studium, was sie wohl arbeitet, ob sie wohl ihren Traum von der Weltreise verwirklicht hatte und wenn ja, was hatte sie alles erlebt? An der Ampel hielt sie an. Er stürzte hin zum Auto, „Sabine, Sabine! Ich fasse es nicht!“ Sie kurbelte die Scheibe weiter hinunter und da sah er in ein fremdes Gesicht. Nein sie war es nicht. Das wusste er jetzt ganz genau. Sie spielte am Kragen ihres rotweißgepunkteten Kleides, lächelte mit einem wachen, warmen Blick aus braunen Augen. „Das muss wohl ein Irrtum sein.“

Geknickt wandte er sich ab. Nils würde sich nie an das Alleinsein gewöhnen. Es war hart, der Beginn in einer fremden Stadt. Sicher, es würde nicht so bleiben.  Aber j e t z t war es so. Und er hasste es. Enttäuscht ging der ehemalige Student weiter, seiner leeren Wohnung entgegen, als die gelbe Ente neben ihm zum Stehen kam. Die junge Frau mit den schwarzen Haaren und der einen silbernen Strähne kurbelte erneut das Fenster herunter. „Ich bin Sabine! Das vorhin war ein Scherz.“ Freudig überrascht drehte er sich um und schaute in das fröhliche Gesicht der Unbekannten: „Das wusste ich!“, antwortete er augenzwinkernd.

copyright by Marietta Jeannette Rohde