Der Baum und die Stürme

Der Baum und die Stürme



Es war einmal vor langer Zeit ein Mädchen. Es lief durch den tiefen dunklen Wald und fand den Weg nicht mehr heim. So sehr es sich auch mühte und suchte, es lief immer wieder in die Irre. Daraufhin besah es sich sehnsüchtig einen Baum, der tief verwurzelt war und mächtig in den Himmel hinein wuchs. Es umarmte Ihn, klopfte an seine Rinde, wie an eine Tür:

„Bitte lass mich ein, nur in dir kann ich geborgen sein.“

Lange Zeit blieb der Baum stumm. Eines Tages aber, gab er dem Flehen des Mädchens nach. Er öffnete sich, nahm das Mädchen in sich auf und verschloss sich wieder. Das Mädchen verwuchs mit dem Baum bis es ganz und gar zu Holz geworden war.



Jahre gingen ins Land. Ach, wie eng wurde es ihm. Immer wieder betrachtete das Mädchen die Vögel am Himmel. Sehnte sich so sehr danach mit ihnen zu ziehen. Es wollte frei sein. Nun aber war es gefangen und konnte nicht fort. Das Mädchen wurde so traurig, dass der ganze Baum an seinem Seelenschmerz erkrankte, im Frühjahr seine Blätter verlor und im Sommer wie ein Skelett, nackt und bloß auf der Lichtung stand.



Eines Tages sah ein junger Förster den Baum und wollte ihn fällen, weil er sehr krank aussah.

Er holte schon zum Schlag aus, da hörte er den Schrei des Mädchens. Erschrocken ließ er die Axt sinken.



„Ach lieber Baum, lass mich frei, ich wäre so gern eine Eule. Ich will fliegen in der dunklen Nacht und schlafen am lichten Tag.“



Der Baum öffnete sich. Aus ihm heraus flog die Eule in in den Himmel hinein.



Der junge Förster war ganz gebannt im Staunen. Einen Baum von dem ein solcher Zauber ausging, den wollte er nicht fällen, niemals.



Im nächsten Frühjahr trieb der Baum wie zum Dank neue Blätter und Knospen.



Wenn der junge Förster an ihm vorüberging, streichelte er ihm über seine raue Rinde und hoffte, dass der Baum ein wenig von seinem Zauber in sein Leben tragen würde. Das tat er dann auch. Auf seltsame Weise füllte sich die Geldbörse des jungen Försters immer wieder aufs neu, so viele Taler er auch ausgab.



In der Mittagszeit rastete er fortan unter jenem Baum und wann immer er dort einschlief, sah er im Traum ein Mädchen vor sich mit langen lockigen roten Haaren. Es trug ein bodenlanges Kleid aus Baumrinde. Wie schön es war. Seine zarte Gestalt, seine samtige Haut und seine strahlenden Augen.



Die Sehnsucht nach diesem Mädchen wurde so groß in ihm, dass er anfing es zu suchen. Er bereiste die ganze Welt. Nach Jahren vergeblicher Suche, gab er schließlich auf und kehrte heim. Vielleicht würde sie ihn finden, eines Tages. So wurde aus der ruhelosen Suche ein stilles, sehnsüchtiges Warten.



Die Eule genoß ihre Freiheit. Flog durch Wälder und über Felder und Dörfer hinweg. Eines Nachts übersah sie eine Mühle. Flog zwischen den Mühlenflügel umher und wußte sich nicht zu helfen.

„Wind höre auf zu pusten.“

„Warum soll ich das? Es bringt mir soviel Freude zu pusten.“

„Die Windmühlenflügel verletzen mich.“

Da lachte der Wind, pustete und wütete voller Ungestüm: „Ach die alte streitsüchtige Mühle! Flieg doch einfach fort. Hui, ha, ha.“



Endlich entkam die Eule, den Windmühlenflügeln. Zitternd und müde saß sie nun auf einem Ast.



Doch schon in der nächsten Nacht flog sie weiter. Immer weiter. Endlich gelangte sie an das große, blaue Meer. Die Wellen bildeteten weiße Gischt und der Sturm heulte. „So etwas schönes habe ich ja noch nie gesehen.“ Immer mehr näherte sie sich dem Wasser. Bis sie mit Ihren Krallen im Nassen stand. Da kam eine Welle größer als die anderen und rieß die Eule mit sich fort. „Wind höre auf, zu toben.“

„Warum soll ich das? Es bringt mir so eine Freude zu toben!“

„Weil mich das Meer sonst verschlingt.“

„Ach das alte streitsüchtige Meer! Schwimm doch einfach an Land. Hui, ha, ha.“



Das Meer aber schlug über sie zusammen und zog sie in die Tiefe. Die Eule wußte gar nicht, wie ihr geschah. Als sie wieder zu sich kam, konnte sie unter Wasser atmen. Sie sah Fische mit schillernden, bunten Flossen, Korallenriffe und die Sonnenstahlen, die auf die Meeresoberfläche schienen und sich ihren Weg durch das salzige Meerwasser bahnten. Es brauchte eine Weile, bis die Eule begriff, dass sie selbst ein Fisch geworden war. Das war eine Freude in der Tiefe des Meeres zu schwimmen!



Eines Tages fand der Fisch den Weg an den Strand und als er den Sand berührte, verwandelte er sich in eine junge Frau. Sie erhob sich. Schüttelte ihre langen, roten Haar, strich sich Meeresalgen und kleine Krabben heraus. Nun fielen ihre Haare wie die Strahlen der aufgehenden Sonne, rot über ihre Schultern und über ihr langes Kleid aus Baumrinde.



Sie lief durch die Natur, bis sie wieder in einen Wald kam. Da fing es erneut an zu stürmen, dass die Äste brachen und schwache Bäume entwurzelten.

„Wind höre auf zu toben,“

„Warum sollte ich das tun? Es bringt mir eine solche Freude zu toben.“

„Die Äste könnten mich verletzen.“

„Ach der alte streitsüchtige Wald. Lauf doch fort. Hui, ha, ha.“ Die junge Frau rannte durch den bewegten Wald. Die Äste knackten und der Wind heulte. Endlich fand sie eine Höhle und verbarg sich darin.



Als der morgen dämmerte, wehte kein Lüftchen mehr. Die Frau lief immer tiefer in den Wald hinein. Es war ihr alles so vertraut. Als wäre sie schon einmal hier gewesen. Und so war es auch, als sie auf eine Lichtung kam, entdeckte sie ihren Baum. Der Baum, der sie so lange Zeit geborgen hatte. Doch etwas hatte sich verändert, als sie das letzte Mal hier gewesen war. Nicht nur war der Baum noch mächtiger in den Himmel hinein gewachsen, zu seinen Wurzeln stand ein kleines, heimeliges Häuschen. Neugierig klopfte sie an. Ihr öffnete der junge Förster, der die Frau so lange gesucht und so lange auf sie gewartet hatte. So kam es, dass ihre Herzen zueinander fanden.



In den ersten Jahren ging die Frau häufig fort. Mal barg sie sich in dem Baum, mal lebte sie als Fisch im tiefen Meer oder als Eule in der dunklen Nacht.



Doch mit der Zeit blieb die Frau immer öfter zu Hause und eines Tages blieb sie für immer. Vielleicht lag es daran, dass der junge Förster und die Frau immer mehr so wurden wie jener Baum. Sie verwurzelten sich tief, so tief und streckten und reckten mutig ihre Äste in den Himmel hinein. Gemeinsam trotzten sie allen Stürmen.


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